RHEINLAND-PFALZ – Drei Viertel der Beschäftigten in der Psychiatrie können sich nicht vorstellen, bis zur Rente im Job zu bleiben

Veröffentlicht am 9. September 2019 von wwa

RHEINLAND-PFALZ – Drei Viertel der Beschäftigten in der Psychiatrie können sich nicht vorstellen, bis zur Rente im Job zu bleiben – ver.di warnt vor Absenkung der Personalausstattung – Aktionstag in der RFK – Am 19. September 2019 wird das höchste Gremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im Gesundheitswesen Deutschlands, der sogenannte Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), die Richtlinie zur Personalausstattung in den Psychiatrischen und Psychosomatischen Krankenhäusern (PPP-RL) beschließen. Mit einem Aktionstag am 10. September macht die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) auf die prekäre Personalsituation in diesem Bereich aufmerksam. In Rheinland-Pfalz beteiligt sich die Rheinhessen-Fachklinik (RFK) in Alzey als psychiatrisches Landeskrankenhaus an dieser Aktion. Die Ergebnisse des bundesweiten ver.di-Versorgungsbarometers werden dort öffentlich präsentiert.
Beim sogenannten ver.di-Versorgungsbarometer Psychiatrie haben im Juli und August Beschäftigte aus 168 psychiatrischen Fachkrankenhäusern und Fachabteilungen ihre Arbeitssituation und die Versorgungsqualität für die Patienten bewertet. Rund 120 Beschäftigte der RFK beteiligten sich an der Umfrage. Mehr als drei Viertel der befragten Beschäftigten können sich nicht vorstellen „bei der derzeitigen Personalsituation“ bis zur Rente in der Psychiatrie zu arbeiten. 77,3 Prozent bewerten bundesweit die Besetzung auf ihrer Station in der vorangegangenen Schicht als „knapp“ oder „viel zu gering“. Das hat Konsequenzen für die Patientenversorgung. Viele Versorgungsaufgaben können nur noch zum Teil oder gar nicht mehr erfüllt werden. Über 80 Prozent der Befragten konstatieren, begleiteter Ausgang für alle Patienten bei Bedarf sei „nur zum Teil“, „nur sehr eingeschränkt“ oder „nicht möglich“ gewesen. Dies kann, je nach baulicher Gegebenheit, schon der Spaziergang im Krankenhausgarten sein. „Insgesamt zeigt das Barometer eine unzureichende Versorgungssituation“, sagt Michael Kohn – Sprecher der ver.di Vertrauensleute der RFK und stellvertretender Personalratsvorsitzender.
„Wer in eine psychiatrische Klinik kommt, darf mit Recht erwarten, Gehör für seine psychischen Probleme und Anliegen zu erhalten. Doch wenn nur 30 Prozent der Umfrageteilnehmer ungestörte Gespräche mit Patienten ohne Probleme oder auch nur mit Mühe gewährleisten können, dann ist diese Grundlage psychiatrischer Behandlung und Betreuung auf vielen Stationen nicht mehr zu gewährleisten“, sagt Kohn im Hinblick auf die schwierige Situation bei der Gewährleistung von 1 zu 1-Betreuungen. Darunter fallen Patienten in akuten Krisen (zum Beispiel bei Suizid- oder Selbstverletzungsgefahr) oder während Zwangsfixierungen. Bei Letzteren ist eine 1 zu 1-Betreuung zwar rechtlich vorgeschrieben – aber um sie zu gewährleisten, werden Beschäftigte von anderen, ebenfalls wichtigen Versorgungsleistungen abgezogen. Vier von fünf Befragten gaben an, nur so die Vorschriften einhalten zu können. Besonders beunruhigend ist, dass diese starken Eingriffe in Freiheitsrechte oft wiederum das Resultat von fehlendem Personal sind: 61,3 Prozent der Befragten schätzen ein, dass die Hälfte der Zwangsmaßnahmen oder sogar fast alle mit mehr Personal vermieden werden könnten.
Zu Überlastung und Frustration kommen für die Beschäftigten auch noch ganz konkrete Gefährdungen und starke psychische Belastungen durch körperliche und verbale Angriffe. 49,9 Prozent der Befragten waren in den letzten vier Wochen mindestens einmal körperlichen Übergriffen ausgesetzt. Gut 80 Prozent sind mindestens einmal beschimpft worden.
ver.di fordert, bei der anstehenden Beschlussfassung des G-BA, die bestehenden Regeln für die Personalausstattung in der Psychiatrie (Psychiatrie-Personalverordnung) deutlich aufzubessern. „Diese Ergebnisse zeigen überdeutlich: die noch bis 31. Dezember dieses Jahres gültige Psychiatrie-Personalverordnung muss dringend ergänzt und aufgestockt werden. Der G-BA muss die Zeitwerte pro Patient für die verschiedenen Berufsgruppen unverzüglich deutlich erhöhen und nicht etwa absenken. Das dafür erforderliche Personal muss von den Krankenkassen finanziert werden. Es muss Konsequenzen haben, wenn diese Personalausstattung nicht eingehalten wird. Es müssen jetzt endlich die Weichen gestellt werden, für ein wirklich bedarfsgerechtes System der Personalbemessung in den Psychiatrien,“ sagt Kohn.