Die Bombenentschärfung im Rhein und danach

Veröffentlicht am 7. November 2018 von wwa

NEUWIED – Impressionen am Tag der Bombenentschärfung – Im Laufe des Mittwochs wurde im Rhein von Spaziergängern eine Bombe entdeckt. Damit begannen für die Stadt Neuwied und Bürgermeister Mang umfangreiche organisatorische Maßnahmen an der 18 Ämter in Neuwied und Andernach beteiligt waren. Bis zur Entschärfung am übernächsten Sonntag waren die Vorbereitungen zur Evakuierung von 9.000 Menschen in Irlich und Feldkirchen, wie Teilen von Andernach abgeschlossen. Mehrere Industriefirmen, ein Altenheim und das Internat der Blindenschule waren betroffen. Am meisten Sorgen bereiteten Behindertentransporte, private Anrufer, die im Vorfeld nicht richtig eingeordnet werden konnten.

Schon früh  um 8 Uhr packte Familie Römer, Kinder , Kanarienvogel und zwei Katzen ins Auto und fuhren zur Oma nach Linz.Rentnerin Gerti Reiss stand auf der Apostelstraße mit Katzenbox und wartete vergeblich auf das bestellte Taxi , das wegen der Sperrung an der B42 nicht kommen konnte. Derweil fuhren schon die im Flugblatt  angekündigten Shuttlebusse ins Schulcenter Niederbieber. Diese wurden aber spärlich genutzt. Dort hatten sich gegen Mittag auch nur 77, meist ältere Menschen eingefunden. Darunter eine zwölfköpfige Großfamilie aus Serbien mit Westentaschenhund und Säugling, die vom DRK Langenhahn betreut wurde. Um 12:00 Uhr war auch die warme Erbsensuppe aus der Krankenhausküche auf den Tischen. In der Zeit liefen rund 400 Feuerwehrkameraden, teils aus dem Kreis Neuwied von Linz bis Asbach durch Irlich und klingelten an den Häusern. Rund 50 Menschen wurden noch angetroffen. Mehr als ein Dutzend davon war erst mal uneinsichtig und verzögerten durch ihr Verhalten den regulären Ablauf der Entschärfung um zwei Stunden.

Im Pressezentrum, in der David Röntgenschule, warten die Pressevertreter, die Dank guter Internetanbindung mit Liveschaltung, Nachrichten direkt auf Ticker von Hörfunk und Fernsehen übertragen konnten. Auf ihre Erbsensuppe allerdings mussten die Presseleute erst mal verzichten. Die war zwar angekommen, aber man hatte das Geschirr vergessen. Für frischen Kaffee, Obst und Kekse war allerdings auch dort gesorgt, denn auch in die David Roentgenschule waren evakuierte Menschen aus der Innenstadt gekommen. Etwa 50 meist junge Familien mit Migrationshintergrund, wurden hier betreut. Von Wickeltisch bis Babynahrung war für alles gesorgt.

Rund zwei Stunden nach der geplanten Entschärfung, um 12:00 Uhr, konnte ein etwas verärgerter Kampfmittelräumtrupp aus vier Mitarbeitern um Horst Lenz, der in den Morgenstunden der Presse noch Rede und Antwort gegeben hatten, mit der Entschärfung beginnen und alles lief nach Plan. Die amerikanische 1.000 Kilo Bombe, die über sieben Jahrzehnte unter Wasser gelegen hatte, machte wenig Ärger. In weniger als einer halben Stunde hatten die erfahrenen Männer ihren Bombenjob erledigt und konnten Bahnlinie, Schifffahrt, Bundesstraße und den gesperrten Luftraum wieder freigeben.

Jetzt zogen auch Polizei und Ordnungsamt wieder ab. Ein Feuerwehrfahrzeug aus dem Westerwald brachte freundlicherweise die Presse zum Fotografieren an den Rhein. Für Kampfmittelräumdienstchef Horst Lenz, der gebürtig aus dem betroffenen Gebiet stammt und dort aufgewachsen ist, war es sechs Wochen nach einer Sprengung wenige hundert Meter weiter, mal wieder ein Heimspiel. Er sah sich zahlreichen Mikrophonen gegenüber, als er erklärte wie die Entschärfung verlaufen war. Während die Kameras schon auf Sendung waren, wurde die mächtige Bombe auf den mitgebrachten LKW verladen.

Feuerwehrchef und Polizeichefin, so wie der erleichterte Neuwieder Bürgermeister Michael Mang bedankten sich beim Entschärfungsteam. Auch der Irlicher Ortsvorsteher Wilhelmi war gekommen und ließ wissen, dass er früher als Kind gerade an dieser Stelle über der Bombe herumgeschwommen sei. Der unerschrockene Horst Lenz wundert sich, dass bei dem Bombenhagel von etwa 2.500 Fliegerbomben, auf die Eisenbahnbrücke und Irlich am 3. November 1944, bisher in mehr gefunden wurden. Am Vortag hatten viele Menschen oben an der Kirche der 78 Opfer der Bombennacht in einer Andacht gedacht.

Während die Bewohner vereinzelt wieder in den Stadtteil zurückkehrten, wurde unten am Rhein der mitgebrachte Bagger wieder auf den Tieflader geladen und  mit der entschärften Bombe zurück in den Standort fahren. Dort wird die Bombe in Scheiben geschnitten und entsorgt. Für Horst Lenz, der mit seiner Familie im Maifeld lebt, war es eine von vielen Einsätzen der letzten Wochen. Für Bürgermeister Mang, der Zweite und noch nicht abgeschlossen. Die Bewohner des Altenheims mussten erst noch bis in die Abendstunden wieder heim gebracht werden. Auf die Uneinsichtigen, die den Einsatz blockiert hatten, wartet eine Ordnungsstrafe, die in anderen Städten mit bis zu 5.000 Euro geahndet wurde.

Oben in der Apostelstraße waren nun auch die fünf Ordensschwestern, die im Pfarrhaus wohnen wieder heimgekommen. Sie hatten vom Mutterhaus auf der Johanneshöhe beobachten können, wie sich die Straßen wieder füllten und waren froh ihr Kloster, das doch recht nah am Fundort gelegen ist, heil wieder zu sehen. Menschen mit Kinderwagen, Hunde, Katzen und Kanarienvögel kamen zu Fuß oder mit Bussen zurück. Die Linienbusse 76 und 170 waren während der Sperrung nicht gefahren. So normalisierte sich bis zum Abend das Leben in Irlich und Feldkirchen.

Die angehaltene Schicht bei Rasselstein, Lohmann und im Andernacher Hafen konnte um 18:00 Uhr wieder wie geplant beginnen. So richtig planbar ist eine Entschärfung aber wohl doch nicht, denn manchmal gab es in der Vergangenheit schon Komplikationen und so eine Evakuierung dauerte 12 Stunden. Diesmal war, wie so oft, der Schutzengel dabei und es ist alles gut verlaufen. (mabe) Fotos: Becker